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Verhaltensökologie menschlichen Abwanderungsverhaltens - am Beispiel der historischen Bevölkerung der Krummhörn : Ostfriesland, 18. und 19. Jahrhundert

Behavioral ecology of human dispersal - using data from the historical Krummhörn population, North-West Germany (18th and 19th century)

Beise, Jan


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Freie Schlagwörter (Deutsch): Verhaltensökologie , Abwanderungsverhalten , Krummhörn , Ostfriesland
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft
Fachgebiet: Biologie
DDC-Sachgruppe: Biowissenschaften, Biologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 19.06.2001
Erstellungsjahr: 2001
Publikationsdatum: 06.07.2001
Kurzfassung auf Deutsch: Die Abwanderung vom Geburtsort ('natal dispersal') ist in Bezug auf seine evolutive Herkunft und Funktion ein nach wie vor noch wenig
verstandenes Verhalten. Dies hat seinen Grund in der spezifischen empirischen Problematik und betrifft in ähnlicher Weise sowohl die
tierliche als auch die menschliche Verhaltensökologie. In der biologischen Literatur werden verschiedene Hypothesen und Theorien zur
Abwanderung diskutiert, die teils als Alternativen zu verstehen sind, teils aber auch nur einzelne Aspekte der Abwanderung betonen und so
in ihrer Erklärungsbedeutung kombinierbar sind. In der vorliegenden Arbeit wurde das menschliche Abwanderungsverhalten unter
Berücksichtigung der wichtigsten dieser Erklärungsmodelle verhaltensökologisch analysiert.


Als Beispielpopulation diente hier die agrarisch geprägte Population der Krummhörn (Ostfriesland) des 18. und 19. Jahrhunderts. Vital-
und sozialstatistische Daten aus Kirchenbüchern und Steuerlisten wurden zu Generationen und Orte übergreifenden Familiengeschichten
verknüpft ('Familienrekonstitution'). Die Berücksichtigung 19 benachbarter Kirchspiele ließ das biographische Verfolgen einer
nennenswerten Anzahl von Individuen über die Abwanderung hinaus zu. So war es erstmals möglich, nicht nur lebensgeschichtliche
Merkmale vor der Abwanderung zu erfassen, sondern auch das weitere Schicksal der Individuen nach der Abwanderung zu verfolgen.


In einem ersten Ergebnisteil wurde das Abwanderungsgeschehen der Untersuchungspopulation wurde anhand verschiedener Aspekte der
Mobilität (Mobilität bis zur Hochzeit, der Geburt der Kinder, dem Tod) quantitativ beschrieben. Mit Hilfe der daraus gewonnen Erkenntnisse
wurden aus einer Kombination der vorhandenen Quelleninformationen Kriterien ermittelt, die es zuließen, den Status der natalen
Abwanderung zu bestimmen (Bestimmung von 'Familienschwerpunkten'). Abwanderer wurden weiterhin danach unterschieden, ob sie
innerhalb der Region verblieben, oder ob sie aus der Region auswanderten. Auf der Basis des neuen Kriteriums erfolgte in einem zweiten
Ergebnisteil eine Theorie geleitete Analyse des Abwanderungsverhaltens.


Wie sich zeigte, kann ein Erklärungsmodell alleine das Abwanderungsgeschehen der Krummhörner Population nicht ausreichend
beschreiben. Vielmehr ließ sich das Wirken verschiedener Mechanismen erkennen, wobei jedoch die jeweilige Bedeutung je nach
Geschlecht und Sozialgruppe unterschiedlich hoch war. In der Krummhörn wanderten Frauen häufiger ab als Männer, ein Unterschied, der
den Erwartungen für ein Paarungssystem der Art 'Ressourcenverteidigung' entspricht. Allerdings verblieben Frauen im Durchschnitt
häufiger innerhalb der Region als Männer. Das Abwanderungsverhalten der Bauernkinder wurde vor allem durch eine 'lokale
Ressourcenkonkurrenz' geprägt, wobei die Söhne davon stärker betroffen waren als die Töchter. Die Anzahl der überlebenden Brüder
hatte sowohl auf die Söhne als auch auf die Töchter der Bauernfamilien einen verstärkenden Einfluss auf die
Abwanderungswahrscheinlichkeit - und verminderten gleichzeitig die lokalen und regionalen Heiratschancen. In den Arbeiterfamilien hatten
die Brüder dagegen keinerlei Einfluss auf die Abwanderung ihrer Geschwister. Für die Töchter in diesen Familien wirkten vielmehr ihre
Schwestern verstärkend auf die Abwanderung. Das Abwanderungsverhalten der Töchter aus Arbeiterfamilien ließ sich insgesamt als Folge
einer 'lokalen Partnerkonkurrenz' erklären. Für die Söhne aus diesen Familien konnten für die meisten untersuchten Variablen keinerlei
Einfluss festgestellt werden. Trotzdem wiesen auch die Söhne eine substanzielle Abwanderungsrate auf. Für sie scheint also in Bezug auf
die Abwanderung weniger eine intrafamiliäre Konkurrenz von Bedeutung gewesen zu sein als vielmehr Faktoren, die das 'greener pasture
syndrome' beschreibt: Die Entscheidung zur Abwanderung wurde in Abhängigkeit von Informationen zur Qualität von lokalen und weiteren
potentiellen Habitaten getroffen. Arbeitersöhne scheinen dabei deutlicher als alle anderen untersuchten Sozial-Geschlechtsgruppen alleine
von Opportunitäten der Subsistenzsicherung (lokale Arbeitsmarktsituation) abhängig gewesen zu sein. Weitere mögliche
Abwanderungsgründe - wie insbesondere Inzuchtvermeidung oder auch Risikostreuung - waren wahrscheinlich eher Folgen des
herrschenden Abwanderungsmusters als wirklich funktionelle Ursache.

Abwanderung in der Krummhörn lässt sich so nicht nur als Teil der individuellen Reproduktionsstrategie verstehen, sondern - zum Teil
jedenfalls - auch als Fortführung elterlicher reproduktiver Interessen mit Mitteln elterlicher Manipulation. Auch wenn die Entscheidung
abzuwandern letztlich von dem abwandernden Individuum selbst getroffen werden muss, liegt sie nicht unbedingt auch in seinem eigenen
(Fitness-) Interesse. Diese Unterscheidung von Abwanderern und Nutznießern der Abwanderung ist ein nur selten diskutierter, aber meines
Erachtens entscheidender Punkt, um dem Verständnis der funktionellen Hintergründe der Abwanderung näher zu kommen.
Kurzfassung auf Englisch: The evolution of natal dispersal is still not well understood. The reasons lie not least in specific empirical obstacles which affect behavioral
ecological analyzes of both animal and human dispersal. During the last decades many different models and hypotheses have been
proposed in order to explain the evolution and the functional design of dispersal. The aim of this thesis was to examine the relevance of
some of the most influential models using data on a historical human population.


The investigation is based on a family reconstitution of the eighteenth- and nineteenth-century Krummhörn population. The entries from the
church registers of 19 parishes were assigned to family lineages. In addition local tax lists containing entries on landownership were used
to reconstruct the socioeconomic structure of the population. The evaluation of neighboring parishes allowed one to keep track of a
substantial number of leavers even after the dispersal event occurred. This is a major strength since in most other studies dispersing
individuals leave the observational focus of the investigator which results in serious empirical difficulties.


The results are divided into two parts. In the first part the dispersal pattern of the population was described on the basis of the following
records: place of birth, place of marriage, place of children's births, place of death. Since it turned out that all these records have
advantages and disadvantages in indicating both the place of origin and the current residence (after a potential dispersal - both are
necessary criteria to decide the status of natal dispersal) a new variable was created (called 'Familienschwerpunkt' or 'center of family
gravity') considering all available information of residences for every individual weighted for their particular significance. In the second part
the hypotheses of each explanatory model were tested. To do this the influence of various critical variables on the probability of dispersal
were analyzed - in detail they are: sex, resources, number of siblings, probability of marriage functional birth rank, parish size and number of
relatives. Further, the analyzes considered aspects of dispersal distance by differentiating between regional dispersal and out-of-area
emigration.


The results showed that one model alone is not sufficient to explain the observed dispersal pattern. Rather various mechanisms influenced
the dispersal behavior of the individuals though the particular importance differed according to sex and socioeconomic class. Dispersal
was female biased thus meeting the expectations proposed for mating systems of a resource defense type. However, although women left
their parish of origin more frequently than men this was not true concerning the out-of-area emigration. The dispersal behavior of offspring
of wealthy farmers reflected a local resource competition scenario: the opportunity for both sons and daughters to stay at the place of origin
and also the opportunity to marry were reduced by having many siblings. For both sexes brothers were in particular crucial. Further sons
were more restricted than daughters. Although daughters of laborers were also restricted by the number of siblings they differed from the
wealthy daughters since only their sisters had a significant influence and, moreover, it concerned only the probability of regional dispersal
rather than emigration - both indicating the existence of a local mate competition scenario. No effects could be found for sons of laborers. It
seems that intra-familial competition - if it occurred at all - had no influence on their decision to disperse. Rather it seems that their
decisions to leave were initiated mostly by mechanisms described by the 'greener pasture syndrome' - that is a triggering of the dispersal
event by a given sensitivity of the individual to the possibility of moving to a better home range. Further mechanisms usually suggested to
explain the function of dispersal - in particular inbreeding avoidance and bet hedging - may have had an effect but they were consequences
of this behavior rather than the cause of dispersal.


In conclusion the observed dispersal behavior can be understood as part of the reproductive strategy both of the individual itself and of its
parents - although the particular importance may differ between groups of individuals. Accordingly parental manipulation may have played a
significant role. The decision to leave always has to be made by the individual itself but he or she may not always be the person benefiting
from this behavior. In order to properly understand the functional design of dispersal it is important to keep this distinction in mind.