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Bedingungen mütterlicher Reaktivität / Sensitivität im ersten Lebensjahr

Mertesacker, Bettina


pdf-Format: Dokument 1.pdf (1.469 KB)

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Abteilung Medizinische Psychologie des Zentrums für Psychosomatische Medizin
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 26.10.2000
Erstellungsjahr: 2000
Publikationsdatum: 07.12.2000
Kurzfassung auf Deutsch: In der vorliegenden längsschnittlich konzipierten Studie wurde der Einfluß verschiedener Faktoren auf die Adäquatheit mütterlichen
Interaktionsverhaltens im Verlauf des ersten Lebensjahres überprüft.


Auf der Grundlage der interaktionalen Modelle von BELSKY (1984) und PAPOUŠEK & PAPOUŠEK (1990) wurde angenommen, daß
sowohl Charakteristiken der am Interaktionsgeschehen beteiligten Personen, also Bezugsperson und Kind, als auch der Kontext, in
welchem sich die Interaktion abspielt, für das mütterliche Verhalten von Bedeutung sind.
Folgerichtig wurden als potentielle Determinanten der mütterlichen Reaktivität/Sensitivität, die als Kernstück angemessenen
Interaktionsverhaltens gilt, die folgenden Vari-ablen berücksichtigt: das frühkindliche Temperament (in den Komponenten positive und
negative Emotionalität) auf seiten des Kindes, Depressivität und Angstneigung als Merkmale der Bezugsperson und Zufriedenheit in der
Partnerschaft und soziale Unterstützung als Umgebungsfaktoren.


Geprüft wurde, ob und in welcher Form diese Bedingungsfaktoren zeitlich kongruent und prädiktiv mit einem reaktiv-sensitiven, also
angemessenen mütterlichen Interaktionsverhalten verbunden waren. Ausgehend von den genannten Interaktionsmodellen wurde hierbei ein
komplexes Zusammenwirken hypothetisiert und angenommen, daß die frühe Mutter-Kind-Dyade zwar Störungen in Teilbereichen effektiv
kompensieren kann, daß aber eine Kumulation ungünstiger Bedingungen sich - im Zeitverlauf zunehmend - negativ auf das mütterliche
Interaktionsverhalten auswirkt. Das zentrale Untersuchungsziel bestand dem-nach darin, aus bestimmten Bedingungskonstellationen
Vorhersagen über Veränderungen im mütterlichen Interaktionsverhalten zu treffen. Zwischen den berücksichtigten Faktoren wurden
Interaktionen im Sinne sich gegenseitig verstärkender oder abmildernder Effekte erwartet.


Datenerhebungen erfolgten im Alter der Kinder von vier Monaten an einer Stichprobe von 37 Mutter-Kind-Paaren, von denen beim zweiten
Erhebungszeitpunkt im Alter der Kinder von acht Monaten 33 Paare wieder teilnahmen. Alle Mütter waren erstgebärend, lebten in festen
Partnerschaften und verfügten über gute Deutschkenntnisse. Bei den Kindern handelte es sich bei der Ersterhebung um 19 männliche und
18 weibliche gesunde und termingerecht geborene Säuglinge.


Zu beiden Erhebungszeitpunkten erfolgten Verhaltensbeobachtungen der Mutter-Kind-Interaktion im Rahmen von Hausbesuchen sowie im
Labor. Über die objektiven Verhaltens-beobachtungen hinaus wurde das frühkindliche Temperament zusätzlich per Fragebogen im
Mutterurteil erhoben, womit ein Vergleich der beiden Erfassungsmethoden möglich wurde. Auch mütterliche Depressivität und
Angstneigung wurden, ebenso wie die der Mutter zugängliche soziale Unterstützung (in der Partnerschaft und in anderen Bereichen),
anhand von Fragebögen ermittelt.


Zunächst wurde geprüft, ob sich aus dem Vorliegen negativer oder positiver kindlicher Emotionalität auf der einen Seite und mütterlicher
Depressivität/Ängstlichkeit oder sozialer Unterstützung auf der anderen Seite Aussagen über die zeit-lich kongruent vorliegende
mütterliche Reaktivität/Sensitivität ableiten ließen. Wider Erwar-ten ergaben sich zu keinem der beiden Erhebungszeitpunkte
Interaktionseffekte zwischen den berücksichtigten Faktoren. Allerdings zeigte sich im Alter der Kinder von vier Monaten ein Haupteffekt für
die von der Mutter wahrgenommene positive kindliche Emotionalität. Mütter, die ihre Kinder positiver beschrieben, zeigten diesen
gegenüber ein adäquateres, d.h. reaktiveres Interaktionsverhalten. Bei der längsschnittlichen Betrachtung erwies sich die kindliche
negative Emotionalität als außerordentlich bedeutsam. Bei dem Zusammentreffen eines häufig negativen Kindes mit dem zusätzlich
belastenden Faktor mütterlicher Depressivität/Ängstlichkeit ergab sich erwartungsgemäß im Zeitverlauf eine drastisch verringerte
Reaktivität/Sensitivität der Mutter, ein Effekt, der sich sowohl für die beobachtete als auch tendenziell für die von der Mutter
wahrgenommene negative Emotionalität des Kindes zeigte.


Für die Kombination eines von der Mutter häufiger negativ wahrgenommenen Kindes und mangelnder sozialer Unterstützung waren die
Ergebnisse ähnlich gelagert: Auch hier führte das Vorliegen lediglich eines Risikofaktors nicht zu einem weniger angemessenen
Mutterverhalten, während das kumulierte Auftreten sich deutlich negativ auswirkte. Die Ergebnisse bestätigen somit, daß die Auswirkungen
kindlicher Charakteristiken auf die Adäquatheit des mütterlichen Interaktionsverhaltens immer in dem Kontext betrachtet werden müssen, in
welchem sie sich entfalten.


Für die positive kindliche Emotionalität konnten entgegen der Erwartung bei den längsschnittlichen Analysen keinerlei Haupt- oder
Interaktionseffekte nachgewiesen werden.
Kurzfassung auf Englisch: The present longitudinal study examined the influence of various determinants on the adequacy of maternal interaction behaviour in the
course of the child's first year of life. Based on the interaction models by BELSKY (1984) and PAPOUŠEK & PAPOUŠEK (1990) it was
hypothesised that characteristics of the persons involved in the interaction, i.e. mother and infant, as well as aspects of the context in which
the interaction takes place are crucial for the maternal behaviour.


Consequently, the following potential determinants of maternal reactivity/sensitivity, which is considered as the pivotal component of
parental interactive competence, were taken into account: infant temperament (specifically negative and positive emotionality),
depressiveness/anxiety as aspects of the maternal personality, and the emotional and social support of the caregiver as contextual factors.


It was examined whether and how the mentioned determinants were related to the caregiver's reactivity/sensitivity in interaction with the
baby, both concurrently and in the course of time. Based on the above mentioned interactional models a complex interplay was
hypothesised and it was assumed that although the early mother-infant dyad might effectively compensate for minor disturbances, an
accumulation of unfavourable conditions or circumstances would have negative effects on the interactive behaviour of the caregiver. The
main focus of the study was the longitudinal question of which specific constellations of circumstances are predictive for subsequent
behaviour of the caregiver. Interactions between the factors, i.e. amplifying or buffering effects were expected.


The first data collection was conducted at the infants' age of four months in a sample of 37 mother-infant dyads. At the second time point of
measurement, at the infants' age of eight months, 33 pairs participated again. All mothers were primiparous, lived in steady relationships
and were well familiar with the German language. At the first time of measurement the sample consisted of 19 male and 18 female healthy
infants.


At both time points of measurement behaviour observations of the mother-infant interaction were carried out during home visits and in the
laboratory. Furthermore, infant temperament was assessed by mother report (questionnaire), which allowed for a comparison of the two
assessment methods. Maternal depressiveness and anxiety as well as the mother's social support (in her relationship and other areas of
life) were also assessed via questionnaires.


At first it was tested whether predictions of the concurrent maternal reactivity/sensitivity could be derived from negative or positive infant
emotionality on the one hand and maternal depressiveness/anxiety or social support on the other hand. Contrary to expectations there were
no interaction effects between the factors for neither one of the time points of measurement. However, at the infants' age of four months the
main effect of mother-reported infant positive emotionality proved significant. Mothers who perceived their infants as more positive were
more reactive/sensitive in the interaction with their four-month-olds.


Regarding the longitudinal question, infant negative emotionality turned out to be of great significance. A strong decrease in maternal
reactivity/sensitivity in the course of time could be demonstrated for those mothers who had to deal with an accumulation of risk factors, i.e.
high negative emotionality of the infant in combination with higher depressiveness/anxiety. This interaction yielded significance for both
methods of assessment, i.e. for the observed and as well as for mother-reported negative emotionality (trend).


A similar result was found for the constellation of mothers with an infant perceived as high in negative emotionality and low social support:
Whereas the presence of a single risk factor did not impair the maternal interaction behaviour, the combination of the two factors had
serious consequences on the maternal reactivity/sensitivity.


These results clearly show the necessity to study the impact of child characteristics on the adequacy of maternal behaviour in the specific
context they occur and take effect. Contrary to expectations there were no significant longitudinal main or interaction effects of infant
positive emotionality.