Giessener Elektronische Bibliothek

GEB - Giessener Elektronische Bibliothek

Hinweis zum Urheberrecht

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-2864
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2000/286/


Klinische Befunde und chirurgische Therapie bei Patienten mit Retraktionssyndrom

Chucholowski, Kerstin


pdf-Format: Dokument 1.pdf (773 KB)

Bookmark bei Connotea Bookmark bei del.icio.us
Freie Schlagwörter (Deutsch): Retraktionssyndrom
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Medizinisches Zentrum für Hals-, Nasen-, Ohren- und Augenheilkunde, Augenklinik für Schielbehandlung und Neuroophthalmologie
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 31.08.2000
Erstellungsjahr: 2000
Publikationsdatum: 15.11.2000
Kurzfassung auf Deutsch: Hintergrund: Erstmals wurden 1876 von Pflüger Patienten mit angeborenem Strabismus, die sowohl Adduktions- als auch
Abduktionseinschränkungen des betroffenen Auges zeigten und bei denen es beim Versuch der Adduktion zu einer Vertikaldeviation kam,
beschrieben. Durch andere Autoren folgte eine Reihe von Fallbeschreibungen, Überlegungen zur Ätiologie und zu Therapieansätzen bis
die Aufklärung über die Ätiologie dieses Symptomenkomplexes (Adduktionsseinschränkung, Abduktionsseinschränkung,
Kopfzwangshaltung, Vertikaldeviation beim Versuch der Adduktion, Bulbusretraktion und Lidspaltenverengung beim Versuch der
Adduktion) 1957 mit den elektromyographischen Befunden von Breinin begann, der eine Koinnervation der Mm. recti medialis et lateralis
des betroffenen Auges nachweisen konnte.


Autopsien von Patienten, bei denen zu Lebzeiten ein Retraktionssyndrom bekannt war und Kernspintomographien von Patienten mit
Retraktionssyndrom konnten schließlich das Fehlen des Abduzenskerns und ein Einsprossen von Fasern des N. oculomotorius in den M.
rectus lateralis des betroffenen Auges zeigen. Die Koinnervation der M. recti lateralis et medialis und das Nebeneinander von vitalem und
fibrotischem Gewebe im M. rectus lateralis des betroffenen Auges konnten erklärt werden.


Material und Methode: In diese Studie gingen die prä- und postoperativen Befunde, sowie die Art der Operation von 76 Patienten ein, an
denen zwischen 1980 und 1992 insgesamt 82 Operationen in der Augenklinik für Schielbehandlung und Neuroophthalmologie der
Universität Gießen durchgeführt worden sind. Die Erhebung der Daten erfolgte retrospektiv anhand der Krankenunterlagen der Patienten.
Orthoptische Befunde und Organbefunde wurden präoperativ, eine Woche und drei Monate postoperativ erhoben. Insgesamt gingen Alter,
Geschlecht, Familienanamnese und Eigenanamnese, Seitenlokalisation, Refraktion und Sehschärfe, sowie prä- und postoperative Fern-
und Nahschielwinkel, Lidspaltenweite, monokulares Blickfeld, Fusionsblickfeld, Kopfzwangshaltung und Vertikaldeviation in diese Studie
ein.


Ergebnisse: Unter den Patienten, die erstmals wegen eines Retraktionssyndroms operiert worden sind, hatten 62% ein linksseitiges und
jeweils 19% ein rechtsseitiges, bzw. ein beidseitiges Retraktionssyndrom. Bei 78 % der Patienten, die erstmals wegen eines
Retraktionssyndroms operiert worden sind, bestand für die Ferne ein konvergenter Schielwinkel, bei 22% ein divergenter Schielwinkel. In
der Kopfzwangshaltung beträgt der durchschnittliche Abstand zum adduktorischen Rand des Fusionsblickfeldes 25°, der durchschnittliche
Abstand zum abduktorischen Rand des Fusionsblickfeldes beträgt nur 8°.


Operation: Befand sich das betroffene Auge in der Kopfzwangshaltung in Adduktion, ist vorwiegend der M. rectus lat. des betroffenen
Auges rückgelagert worden, befand sich das betroffene Auge in der Kopfzwangshaltung in Abduktion, ist vorwiegend der M. rectus lat.
rückgelagert worden. Die Rücklagerungsstrecke richtete sich nach der Stärke des Prismenvorsatzes, der zu einer ausreichenden
Minderung der Kopfzwangshaltung führte.


Operationsergebnisse: Präoperativ betrug die Kopfzwangshaltung bei 65% der Patienten, die erstmals wegen eines
Retraktionssyndrom operiert worden sind, mehr als 10°, nach 6 Monaten hatten 98% der Patienten eine Kopfzwangshaltung von weniger
als 10°. Während der präoperative Fernschielwinkel bei 67% der Patienten größer als 10° war, nach 6 Monaten hatten 82% einen
Fernschielwinkel von kleiner oder gleich 10°.


Diskussion: Alter, Geschlechtsverteilung, Seitenlokalisation bei Patienten mit Retraktionssyndrom dieser Studie standen im Einklang mit
der Literatur. Die Mehrzahl der Patienten dieser Studie nahm eine Kopfzwangshaltung ein, in der das betroffene Auge in Adduktion stand,
sie vermieden jedoch in der Kopfzwangshaltung die maxi-male Adduktion. Damit steht der Kopfzwangshaltung eine Schlüsselrolle
innerhalb der anderen Symptome des Retraktionssyndroms zu, da in der Kopfzwangshaltung bei Patienten mit einseitigem
Retraktionssyndrom Binokularsehen ermöglicht wird. Während beim einseitigen Retraktionssyndrom die überwiegende Mehrzahl der
Patienten dieser Studie über normales Binokularsehen verfügten, erscheint die Motilitätsstörung beim beidseitigen Retraktionssyndrom
doch der Entwicklung eines normalen Binokularsehens im Wege zu stehen, ebenso war der Visus dieser Patienten auffallend schlecht.


Bezüglich der Einteilung des Retraktionssyndroms entspricht einzig die Einteilung von Kaufmann (1986) der Forderung von Raab (1986),
nach der eine Einteilung des Retraktionssyndroms die individuelle Klinik und eine daraus ableitbare Operationsindikation berücksichtigen
soll:

- Der Patient nimmt eine Kopfzwangshaltung ein, in der das betroffenen Auge adduziert wird, eine Rücklagerung des M. rectus med. ist
notwendig.

- Der Patient nimmt eine Kopfzwangshaltung ein, in der das betroffene Auge abduziert wird, eine Rücklagerung des M. rectus lat. ist
notwendig.


Beim Beidseitigen Retraktionssyndrom sind beide Augen in einem unterschiedlichen Ausmaß betroffen, eine individuelle
Indikationsstellung ist notwendig.


Ausschließlich rücklagernde Eingriffe hatten im vorliegenden Kollektiv einen größeren Einfluß auf die Kopfzwangshaltung als auf den
Schielwinkel. Patienten mit einem großen Schielwinkel konnten von einer kombinierten Konvergenz- oder Divergenzoperation gut
profitieren, wobei die Vorlagerungsstrecke kurz bemessen wurde (2 - 3 mm). Die Operationsergebnisse dieser Studie hinsichtlich der
Schielwinkel, der Motilität und der Kopfzwangshaltung können als gut bezeichnet werde, Operationskomplikationen traten nicht auf.