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URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/1999/63/


Relative Einkommensarmut bei Kindern : Untersuchungen zu Lebensbedingungen und Lebensqualität in Deutschland von 1984 bis 1996

Weick, Stefan


pdf-Format: Dokument 1.pdf (851 KB)

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Soziologie
Fachgebiet: Soziologie
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 07.07.1999
Erstellungsjahr: 1999
Publikationsdatum: 08.07.1999
Kurzfassung auf Deutsch: Die Diskussion um Kinderarmut in Deutschland basiert in erster Linie auf einer Zunahme des Anteils von Sozialhilfebeziehern in der Altersgruppe unter achtzehn
Jahren. Diese Betrachtung gründet allerdings auf Daten der Sozialhilfestatistik, die staatliche Maßnahmen zur Armutsbekämpfung widerspiegeln. Die weitere
empirische Grundlage zu diesem Themenfeld ist für Deutschland schmal. Einzelne Analysen mit Umfragedaten zur Verteilung von Haushaltseinkommen führen
zu unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich der Verbreitung von Kinderarmut. Die Dissertation erörtert vor diesem Hintergrund nationale und internationale
Studien zur Einkommensarmut und liefert mit eigenen empirischen Analysen eine breitere empirische Basis für Aussagen zur Verbreitung, Entwicklung und
Dauer von Einkommensarmut bei Minderjährigen sowie zu Lebensbedingungen von Kindern oberhalb und unterhalb der Armutsschwelle.


Der erste Teil der Arbeit stellt bisherige Untersuchungen zur Kinderarmut in den Zusammenhang mit Studien zur Sozialstruktur für diese Altersgruppe und der
wissenschaftlichen Diskussion zur Armutsforschung. Ausgehend von der jüngeren Entwicklung der internationalen Forschungstätigkeit zur Lebensqualität von
Kindern, gibt die Dissertation einen Überblick über neuere Aktivitäten zur Etablierung einer Sozialberichterstattung über Kinder in Deutschland. Es wird
thematisiert, daß entsprechende Analysen in Deutschland zwar in der Tradition empirischer Sozialstrukturanalysen durchgeführt wurden, daß der Aspekt der
Einkommensungleichheit - anders als in den USA - allerdings eher am Rande steht. Anschließend wird die kontrovers geführte, öffentliche und
wissenschaftliche Diskussion zur Armutsforschung dargestellt und erörtert. Die Übersicht konzentriert sich auf Armutsabgrenzungen über Ressourcen, d.h. es
werden Markteinkommen, Unterhaltsleistungen, Vermögen und staatliche Transferleistungen berücksichtigt. Daneben werden auch mehrdimensionale
Armutsabgrenzungen auf der Basis der Lebenslage - mit einer Vielzahl von nicht werturteilsfreien Entscheidungen - besprochen und weiterhin Möglichkeiten zur
Analyse von Einkommensarmut im Längsschnitt vorgestellt. Die Diskussion von Studien zur Kinderarmut im internationalen Vergleich fokussiert die Perspektive
auf die relevante Teilpopulation von Kindern. Analysen im internationalen Kontext vor dem Hintergrund verschiedener Datenbasen und unterschiedlicher
Operationalisierungen von Einkommensarmut stehen dabei im Zentrum der Erörterung. Die Kritik an einzelnen Berechnungsverfahren zur Kinderarmut in
Deutschland wird aufgegriffen und zusammen mit Ergebnissen zu Verbreitung, Dauer und Äquivalenzgewichtung diskutiert. Darauf aufbauend steht die
Besprechung von Studien, die Einkommensarmut auch im Zusammenhang mit Lebensbedingungen und subjektiven Wohlbefinden untersuchen.


Im zweiten Teil der Arbeit werden eigene Analysen zur Berechnungsweise, Verteilung, Entwicklung und dem zeitlichem Verlauf von relativer Einkommensarmut
bei Kindern in den alten und neuen Bundesländern präsentiert und durch Auswertungen zu Lebensbedingungen und Lebensqualität im Haushaltskontext ergänzt.
Im Bereich der Verbreitung und Entwicklung von Einkommensarmut von Kindern in Deutschland wurden bisher in der Literatur eher heterogene
Einzelergebnisse präsentiert, die sich hinsichtlich der Armutskonzepte, Datenbasen und Operationalisierungen erheblich unterscheiden. Auch in jüngeren
Sammelbänden zu diesem Thema werden in nahezu jedem Beitrag unterschiedliche Armutsabgrenzungen vorgenommen. Kritik wird in der deutschen Literatur
vor allem bei einzelnen Berechnungsweisen geübt, die zu eher niedrigen Quoten führen.


In der vorliegenden Arbeit wird angesichts dieser Ausgangslage demonstriert, wie sich unterschiedliche Äquivalenzskalen und Abgrenzungen von
Armutsschwellen auf Einkommenspositionen und Quoten relativer Einkommensarmut auswirken. Dabei wird die besondere Sensitivität der Teilpopulation von
Kindern für unterschiedliche Berechnungsverfahren empirisch untermauert. Auf der Grundlage von drei ausgewählten Äquivalenzskalen, die sich bezüglich der
Personengewichtung deutlich unterscheiden, wird die Entwicklung der Einkommensarmut von 1984 bis 1996 in differenzierter Form im Kontext weiterer Maße
zur Einkommensungleichheit herausgearbeitet: Bei getrennter Berechnung für Ost- und Westdeutschland, kann in den alten Bundesländern kein anhaltender
Trend zur weiteren Verbreitung relativer Einkommensarmut bei Kindern identifiziert werden, wie er auf Basis der Sozialhilfestatistik zu vermuten wäre. Im
Vergleich zu anderen westlichen Industrieländern liegt die Kinderarmutsquote im unteren Mittelfeld. In den neuen Bundesländern hat sich mit der Zunahme der
Einkommensungleichheit und der Erhöhung des Einkommensniveaus im Transformationsprozeß auch der Bevölkerungsanteil unter der Armutsschwelle deutlich
erhöht, insbesondere bei Kindern. Seit 1994 hat sich diese Tendenz allerdings abgeschwächt und 1996 ist erstmals ein Rückgang zu erkennen. Die Analysen
werden durch die Untersuchung individueller Verläufe von Einkommensarmut und der relativen Einkommenspositionen über fünf Panelwellen ergänzt.


Während die neueren größeren Armutsstudien - zumindest im Querschnitt - auch systematisch die Lebensbedingungen in ihren Untersuchungen berücksichtigen,
gab es bisher nur vereinzelte Auswertungen zum Zusammenhang von Einkommensarmut und Lebensbedingungen von Kindern, die sich in der Regel auch auf
Erwachsene mit Kindern im Haushalt bezogen. In der Dissertation werden nun in einem weiteren Kapitel die objektiven Lebensbedingungen von Kindern in
Einkommensarmut mit Minderjährigen als Untersuchungseinheit vergleichend analysiert. Hierzu werden Strukturdaten der Bereiche Haushalt und Familie,
Wohnen, Transferleistungen, Erwerbstätigkeit und Bildung im Trendverlauf für mehrere Zeitpunkte präsentiert. Ergänzend hierzu werden zu ausgewählten
Problembereichen auch individuelle Längsschnittanalysen vorgestellt.


Bezüglich der Haushalts- und Familienstruktur werden folgende Entwicklungen berichtet: In Ostdeutschland hat sich seit der Wiedervereinigung vor allem das
Armutsrisiko von Kindern in Haushalten von Alleinerziehenden erheblich vergrößert. Auch bei Kindern in Einkommensarmut, die mit beiden Elternteilen in
einem gemeinsamen Haushalt leben, sind typische Konstellationen objektiver Lebensbedingungen zu erkennen: Im Bereich der Erwerbstätigkeit findet man
häufig Kumulationen von ungünstigen Voraussetzungen bei den Eltern. So verfügen in den alten Bundesländern vielfach sowohl Mütter als auch Väter über
keine Berufsausbildung. Bildungshomogame Eheschließungen (und Partnerschaften) erhöhen somit deutlich das Risiko in einkommensschwache Bereiche zu
fallen. In den neuen Bundesländern stellt die Arbeitslosigkeit beider Elternteile ein besonders hohes Risiko für ein Absinken unter die Armutsschwelle dar. Im
Bereich der Sozialpolitik der Kommunen erscheint das Ergebnis relevant, daß der Anteil der Sozialhilfeempfänger unter einkommensarmen Kindern in
Ostdeutschland geringer ist als in Westdeutschland. Hier scheint offensichtlich ein erhebliches Potential für Ansprüche auf weitere Sozialhilfeleistungen zu liegen,
da die Armutsschwelle in den neuen Bundesländern - bei getrennter Berechnung - zudem noch niedriger liegt als in den alten Bundesländern.


Das letzte Kapitel der Dissertation behandelt subjektives Wohlbefinden im Haushaltskontext von einkommensarmen Kindern. Da Kinder im
Sozio-ökonomischen Panel nicht selbst befragt wurden, muß die Untersuchung auf Angaben von Eltern begrenzt bleiben. Andere Analysen in der Literatur zum
Thema Armut - auf der Basis von Kindersurveys - müssen dagegen die Begrenzung von geringeren Fallzahlen, aber auch das Handicap in Kauf nehmen, daß
diese nicht für derartige Problemgruppenanalysen konzipiert wurden. Armut wird in entsprechenden Untersuchungen deshalb eher in einem weiteren Sinn über
allgemeinere Indikatoren zur sozialen Ungleichheit operationalisiert. Verschiedene Studien zeigen dennoch, daß finanzielle Verknappung auch zu emotionalen
Beeinträchtigungen bei Kindern beitragen. Hier ist allerdings nicht von direkten Auswirkungen der ökonomischen Lage im Haushalt auszugehen, sondern eher
indirekten über Beeinträchtigungen des Familienklimas. Einen Schwerpunkt des hier besprochenen Kapitels der Dissertation stellt in diesem Zusammenhang die
Frage dar, ob Kinder in Abhängigkeit von Einkommensarmut mit erhöhten psychischen Belastungen in der Familie konfrontiert sind, was anhand der Angaben
der Mütter untersucht wird und zu folgenden Ergebnissen führt: Kinder in einkommensschwachen Haushalten sind bei ihren Müttern häufig mit einem geringen
subjektiven Wohlbefinden konfrontiert. Das äußert sich in spezifischen Sorgen und vermehrten Problemen der Mütter, sich mit den Verhältnissen
zurechtzufinden. Mütter in einkommensschwachen Haushalten weisen unterdurchschnittliche Zufriedenheiten mit verschieden Lebensbereichen auf - bei erhöhter
Heterogenität der Zufriedenheitsbewertungen. Im Längsschnitt zeigt sich, daß die Einkommenszufriedenheit bei langandauerndem Absinken unter die
Armutsschwelle am niedrigsten liegt. Eine zunehmende Adaption an die objektive Situation bei zunehmender Armutsdauer kann bei dieser spezifischen
Zufriedenheitsbewertung somit nicht identifiziert werden. Bei der allgemeinen Lebenszufriedenheit sinkt die Bewertung bei längerem Verweilen in
Einkommensarmut allerdings nicht ab, was auf dieser Ebene auf eine Adaption an die materielle Situation schließen läßt.