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Das "Dritte Rom" : Zerstörung und Konstruktion von Geschichte im Dienste nationaler Erinnerung, 1870-1950

Steidl, Mischa


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-84465
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8446/


Freie Schlagwörter (Deutsch): Rom , Urbanistik , Faschismsus , Nationalstaat , Nationaldenkmal
Universität Justus-Liebig-Universit√§t Gie√üen
Institut: Institut f√ľr Kunstgeschichte
Fachgebiet: Kunstgeschichte
DDC-Sachgruppe: K√ľnste, Bildende Kunst allgemein
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der m√ľndlichen Pr√ľfung: 17.05.2009
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 16.11.2011
Kurzfassung auf Deutsch: Mit dem Einmarsch der italienischen Truppen in Rom im Jahre 1870 und dem Ende der weltlichen Herrschaft des Papsttums begann eine Phase radikaler Umgestaltung der st√§dtebaulichen Substanz Roms. In einer ersten Phase realisierte der liberale Nationalstaat seine Vorstellung eines modernen und monumentalen Roms und schuf innerhalb der wesentlich durch kirchliche Symbole definierten Stadt die Kapitale der geeinten Nation. Der Umbauprozess setzte sich nach dem politischen Systemwechsel 1922 fort. Der Macht√ľbernahme Mussolinis und der Umwandlung Italiens in eine faschistische Diktatur folgte die Schaffung einer Roma di Mussolini nach einem von Mussolini h√∂chst pers√∂nlich vorangetriebenem Programm. Erst 1950, mit der Fertigstellung bereits in faschistischer Zeit initiierter Gro√übauvorhaben, endete der Prozess, der bis heute das Stadtbild pr√§gt.
Die mit dem Ausbau der Stadt zur Millionenmetropole verbundene Zerst√∂rung vorhandener st√§dtebaulicher Substanz war einerseits Modernisierungsvorhaben geschuldet, andererseits verfolgte der Staat vehement das Projekt, durch monumentale Repr√§sentationsarchitektur- und Denkmalsvorhaben identit√§tsstiftende Orte nationaler Erinnerung zu schaffen. Bau- und Denkmalspolitik waren dabei eng mit dem R√ľckbezug auf das antike Rom verbunden. √úber die ideelle, architektonische und st√§dtebauliche Erinnerung an die ehemalige Gr√∂√üe Roms, die als Romidee oder romanit√† bezeichnet werden, sollte das politische Potential der Nation verdeutlicht werden.
Der Bau des Nationaldenkmals f√ľr Vittorio Emanuele II. und die daran anschlie√üenden st√§dtebaulichen Modifikationen im direkten Denkmalsumfeld waren das eingreifendste Vorhaben. Das zur nachhaltigen Erinnerung an die Verdienste der Monarchie f√ľr die nationale Einheit geplante Denkmal wurde bewusst in n√§chster N√§he des antiken Stadtzentrums, des Kapitolsh√ľgels, erbaut, trotz der mit dem Bau verbundenen arch√§ologischen Flursch√§den. Mit der zunehmenden Bedeutung des Denkmals als eines konsensf√§higen Orts nationaler Erinnerung, die durch die Beisetzung des Unbekannten Soldaten um den Kontext der mit dem I. Weltkrieg verbundenen Erinnerung erweitert wurde, avancierte das Denkmal ‚Äď insbesondere nach der Macht√ľbernahme des Faschismus ‚Äď zum Zentrum politischer Kommemorationsfeiern. Durch die Verlegung des Amtssitzes Mussolinis in den direkt gegen√ľber dem Nationaldenkmal gelegenen Palazzo Venezia wurden das politische Zentrum des Faschismus und das erinnerungskulturelle Zentrum der Nation in einen ideologischen Sinnzusammenhang gestellt. Unter diesem Aspekt ist auch der Ausbau der Piazza Venezia zu einem st√§dtebaulichen Knotenpunkt zu sehen. √úber eine rein st√§dtebauliche Notwendigkeit hinaus wurde ein modernes Forum geschaffen, das Ort der Kommunikation zwischen F√ľhrer und Masse und somit politisches und symbolisches Zentrum der Nation wurde.
Der mit radikalen Zerst√∂rungsma√ünahmen verbundene Bau der Via dell¬īImpero verband das Nationaldenkmal und das Kolosseum als st√§dtebauliche Solit√§re miteinander. Ebenso wurden √ľber die Via dell¬īImpero das Forum Romanum und die in faschistischer Zeit aus der nachantiken √úberbauung herauspr√§parierten Kaiserforen f√ľr das Stadtbild erschlossen. So entstand die st√§dtebauliche Symbiose eines antiken und modernen Roms. Zum einen ist sie als Akt der Adaption der architektonischen Zeugen antiker Gr√∂√üe zur Legitimit√§tsbehauptung faschistischer Expansionspolitik zu deuten. Zum anderen ist diese Erinnerungsfigur in Relation zum Kult des Unbekannten Soldaten zu sehen. Er wurde als Symbol des siegreichen nationalen Opfers zum Anfangspunkt eines neuen ‚ÄöWeges‚Äė zu nationalem Ruhm stilisiert. Durch weitere Systematisierungsarbeiten um das Kolosseum und die Anlage der Via Imperiale wurde der begonnene Weg √ľber die Stadtgrenze hinaus bis hin zum Mittelmeer ausgebaut. Durch diese st√§dtebaulichen Ma√ünahmen gelang die Inszenierung des historischen Weges von einer erfolgreich aus dem I. Weltkrieg hervorgegangenen Nation hin zu einer neuen Macht am Mittelmeer als sinnf√§lliges Kontinuum.
Die Analyse der Entwicklung des Nationaldenkmals und der Modifikationen des umgebenden st√§dtebaulichen Kontextes belegt einen Paradigmenwechsel von nationalstaatlicher zu faschistischer Zeit. In nationalstaatlicher Zeit war ‚Äď trotz der folgenreichen Standortentscheidung ‚Äď das grundlegende Mittel zur Konstruktion nationaler Erinnerung die architektonisch-k√ľnstlerische Denkmalsgestaltung. Hingegen ist in faschistischer Zeit die ausufernde Nutzung des Erinnerungsortes in kommemorativen Ritualen das konstruktive Element der nationalen Erinnerung. Nicht mehr den Ort, sondern den zur Inszenierung dieser Rituale notwendigen Raum galt es zu gestalten, ein f√ľr die Stadtstruktur im Denkmalsumfeld folgenreiches Ph√§nomen. Um das Denkmal herum entstand durch Zerst√∂rung von Geschichte eine monumentale Leere, die nur im Rahmen politischer Feiern gef√ľllt wurde. Mit dem Ende des Faschismus l√∂ste sich dieser anschauliche Zusammenhang auf.

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