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Philipp Friedrich Wilhelm Vogt (1789-1861) : Professor der Medizin in Gießen und Bern

Obes, Dirk Jannes


Originalveröffentlichung: (2008) Giessen : VVB Laufersweiler 2008
Zum Volltext im pdf-Format: Dokument 1.pdf (5.377 KB)


Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-66590
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/6659/


Universität Justus-Liebig-UniversitĂ€t Gießen
Institut: Institut fĂŒr Geschichte der Medizin
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Zeitschrift, Serie: Edition scientifique
ISBN / ISSN: 978-3-8359-5300-0
Sprache: Deutsch
Tag der mĂŒndlichen PrĂŒfung: 10.11.2008
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 09.12.2008
Kurzfassung auf Deutsch: Philipp Friedrich Wilhelm Vogt wurde am 8. Februar 1789 in Hausen bei Gießen als jĂŒngster Sohn des dortigen Pfarrers Philipp Henrich Balthasar Vogt geboren. Durch den Besuch des akademischen PĂ€dagogiums in Gießen und den damit verbundenen Kontakt mit dem Lehrer Friedrich Gottlieb Welcker dĂŒrfte Vogt im Hinblick auf seine spĂ€tere freisinnige politische Einstellung bereits vorgeprĂ€gt worden sein.
Nach dem anschließenden Medizinstudium in Gießen und WĂŒrzburg sowie der Promotion im Alter von 23 Jahren in Gießen war er zunĂ€chst als Prosektor an der dortigen UniversitĂ€t tĂ€tig und wurde bereits 1814 zum außerordentlichen Professor, 1817 schließlich zum Ordinarius ernannt. Seine thematisch vielseitigen Lehrveranstaltungen umfassten u. a. die FĂ€cher Pharmakodynamik, Rezeptierkunst, Pharmazie, Therapie, Toxikologie und Chirurgie. 1829/30 bekleidete Vogt das Amt des Rektors der UniversitĂ€t. WĂ€hrend der Gießener Zeit veröffentlichte er zudem LehrbĂŒcher der Pharmakodynamik und der Rezeptierkunst.
Im Rahmen der universitĂ€ren TĂ€tigkeit legte Vogt besonderes Gewicht auf den praktisch-klinischen Unterricht, in dem er seine Studenten zu selbstĂ€ndigem medizinischem Denken und Handeln anregte. Ebenso betonte er gegenĂŒber den angehenden Ärzten die Wichtigkeit der menschlichen WertschĂ€tzung der Patienten.
Vogts republikanisch-demokratische politische Einstellung, die weiterhin gefördert wurde durch den Umgang mit seinen SchwĂ€gern Follen(ius), von denen Karl Follen u. a. AnfĂŒhrer der "Gießener Schwarzen" war, zeigte sich mit dem vormĂ€rzlichen monarchisch-repressiven System Hessen-Darmstadts immer weniger vereinbar. Aufgrund dessen folgte er im Jahr 1835 einem Ruf an die neugegrĂŒndete UniversitĂ€t Bern. In der Schweiz wurde sein politischer Rat insbesondere von Vertretern der radikalen Partei geschĂ€tzt. Hochschulpolitisch focht Vogt an seiner neuen WirkungsstĂ€tte stets fĂŒr den Erhalt der neu gewonnenen Lehr- und Lernfreiheit. DarĂŒber hinaus hob er die Wichtigkeit von Meinungs- und Pressefreiheit als Voraussetzung fĂŒr eine freie Entfaltung der Wissenschaft hervor.
Als Ordinarius vertrat er in Bern die FÀcher Spezielle Pathologie und Therapie sowie Medizinische Klinik. Zudem wirkte er im Inselspital als Leiter der Medizinischen Klinik. Vogt bekleidete sowohl das Amt des Rektors der UniversitÀt als auch des Dekans der Medizinischen FakultÀt.
In die Berner Zeit fiel die Veröffentlichung seiner Werke ĂŒber die Gehirn- und RĂŒckenmarkserweichung sowie ĂŒber die Ruhr, in denen Vogt in erster Linie einen Überblick ĂŒber den damaligen Wissensstand unter BerĂŒcksichtigung seiner eigenen langjĂ€hrigen klinisch-praktischen Erfahrungen darlegte, ohne hierbei jedoch bahnbrechend Neues zu publizieren. In seinem SpĂ€twerk ĂŒber den Kurort Hof Ragaz verarbeitete Vogt persönlich vor Ort gemachte Erfahrungen.
FĂŒr die nĂ€here Untersuchung von Vogts medizintheoretischen Ansichten war es methodisch erforderlich, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum herrschende Umfeld mit der dominierenden romantischen Naturphilosophie zu berĂŒcksichtigen. Vogt war zwar kein „Neuerer“, doch befand er sich stets auf der Höhe der Zeit. Klangen in seinem Erstlingswerk ĂŒber Pharmakodynamik folgerichtig noch naturphilosophische Aspekte an, die ihn nicht als unmittelbaren VorlĂ€ufer der modernen experimentellen Pharmakologie erscheinen lassen, waren diese Tendenzen aus dem zweiten Lehrbuch ĂŒber Rezeptierkunst bereits weitgehend eliminiert.
In der Zeit des epochalen Systemwandels hin zur naturwissenschaftlich geprĂ€gten Medizin vertrat Vogt den Standpunkt eines rationalen Empirismus. Er betonte vor allem die Bedeutung nĂŒchterner Beobachtung sowie Erfahrung und plĂ€dierte fĂŒr Skeptizismus gegenĂŒber theoretischen Spekulationen. Vogt begleitete die Periode des Umbruchs von der traditionellen Materia medica zur exakten, naturwissenschaftlich orientierten Pharmakologie der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts mit zum Teil noch heute modern anmutenden Thesen. Hingegen konnte eine eigene experimentell-pharmakologische TĂ€tigkeit bei ihm nicht nachgewiesen werden.



Die Zusammenschau der ĂŒberlieferten zeitgenössischen Berichte und Urteile ĂŒber Vogt – in beruflicher wie in privater Hinsicht – verdeutlicht eindrucksvoll, wie sehr Vogt als Arzt, Lehrer und als Mensch seinerzeit geschĂ€tzt und geachtet wurde. Das Fundament der fachlichen WertschĂ€tzung bildeten seine hervorragenden klinisch-praktischen Fertigkeiten sowie die einem breiten medizinischen Publikum bekannten fachliterarischen Werke, welche zu der anerkennenden Bezeichnung „geistreicher Vogt“ gefĂŒhrt hatten. Die persönliche WertschĂ€tzung beruhte u. a. auf Eigenschaften wie ausgeprĂ€gtem Gerechtigkeitssinn, ZuverlĂ€ssigkeit, Besonnenheit, Wohlwollen, heiterer GemĂŒtlichkeit und Gastfreundlichkeit, aber auch Scharfsinn, gepaart mit Strenge.
Philipp Friedrich Wilhelm Vogt starb am 1. Februar 1861 in Bern wenige Tage vor seinem 72. Geburtstag.
Kurzfassung auf Englisch: Philipp Friedrich Wilhelm Vogt was born on 8 February 1789 in Hausen near Gießen, the youngest son of the local pastor Philipp Henrich Balthasar Vogt. He attended the higher institute of learning in Gießen and it was probably due to his contact there with the tutor Friedrich Gottlieb Welcker that impressions were left, which would later culminate into his broad-minded political mindset.
After completing his studies in medicine in Gießen and WĂŒrzburg and having obtained his doctorate at the age of 23 in Gießen, he was initially engaged at the university as prosector and then in 1814 was made associate professor, ultimately to be promoted as professor in 1817. His lectures treated a wide scope of topics including the subjects of pharmacodynamics, the art of dispensing, pharmacy, therapy, toxicology and surgery. In the years 1829/30, Vogt held the office of university rector. During his time at Gießen he also published textbooks on pharmacodynamics and on dispensing.
Whilst engaged at the university, Vogt placed particular priority on encouraging his students to think and act for themselves in medical terms. He also emphasised the importance of respect for the patient.
Vogt’s political outlook that was focused on the idea of democracy and a republic and was further nurtured by his relations with his brothers-in-law Follen(ius), one of whom, Karl Follen, was also leader of the “Gießener Schwarzen“, became ever more difficult to reconcile with the repressive, monarchist system in Hessen-Darmstadt. Because of this, in 1835 he took up the call from the newly founded Bern University. In Switzerland his political views were particular appreciated by representatives of the radical party. At his new site of activity, Vogt never failed to fight for the newly won freedom of teaching and learning at the university. Furthermore, he underlined the importance of the freedom of opinion and of the press as essential for the further unimpeded evolution of science.
In his capacity as professor at Bern, he was responsible for the subjects of special pathology and therapy and for the clinical aspects of medicine. At the same time he engaged at the hospital Inselspital as medical director. Vogt was both university rector and dean of the medical faculty.
During his years in Bern, he published his works on encephalomalacia, myelomalacia and on dysentery, in which he largely gave an overall picture of the standard of knowledge existing at the time against the background of the many years of his own clinical and practical experience, without, however, actually bringing anything new to light. His later works on the health resort of Hof Ragaz concentrated on his own personal experience there.
In the interests of a closer study of Vogt’s medical theories, it was necessary to recall the romanticism imbrued in the philosophy of nature that dominated in the German-speaking region at the outset of the 19th century. Vogt was not an “innovator”, yet he was always up with the times. Whereas his first work on pharmacodynamics naturally enough incorporated aspects of the philosophy of nature, showing him not to be direct precursor of modern experimental pharmacology, the second textbook on the art of dispensing practically eliminated any such tendencies.
In epochal times of change when the direction was moving more towards medicine in a scientific light, Vogt embodied the viewpoint of rational empiricism. In particular he emphasised the need for an unemotional observation and experience, pleading for scepticism with theoretic speculations. The radical move of the second half of the 19th century away from materia medica towards pharmacology that was oriented to the natural sciences was experienced by Vogt with the submission of his own theses that to an extent are still of relevance today. Nevertheless, there is no evidence of any activities of his own in experimental pharmacology.
Taking a look at the reports and assessments of Vogt of his time, it is impressively clear that Vogt was highly thought of, as doctor, teacher and as a person. In professional terms, his outstanding clinical and practical skills and his literary works known to a wide medical public shaped the grounds for his acknowledgement as “knowledgeable Vogt”. Assessed as a person, he can be said to have been blessed with a pronounced sense of justice, reliability, prudence, good will, cheerful merriness and hospitality, yet also with astuteness coupled with strictness.
Philipp Friedrich Wilhelm Vogt died on 1 February 1861 in Bern a few days before his 72nd birthday.
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