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Ablehnung einer konventionellen Therapie durch Patientinnen mit Mammakarzinom, die komplementäre und alternative Behandlungen anwendeten. Welche Gründe gibt es für die Ablehnung einer konventionellen Therapie? Gibt es eine „Risikopersönlichkeit“?

Schleicherdt, Anne


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-158821
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2021/15882/


Freie Schlagwörter (Deutsch): Mammakarzinom , Überlebenszeiten , Therapieablehnung , komplementäre und alternative Therapien
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Zentrum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 19.01.2021
Erstellungsjahr: 2021
Publikationsdatum: 22.02.2021
Kurzfassung auf Deutsch: Der aktuelle Forschungstand von Mammakarzinompatientinnen die alternative und komplementäre Therapien anwenden und konventionelle Therapien ablehnten, ist lückenhaft.
Im retrospektiven Teil der Arbeit wurde eine Überlebenszeitanalyse bei 233 Patientinnen mit metastasiertem Mammakarzinom durchgeführt, die komplementäre und alternative Therapien anwendeten und teilweise verschiedene konventionelle Therapien ablehnten. Die angewendeten alternativen und komplementären Therapien werden dargestellt, erläutert und bewertet. Alle 233 Patientinnen waren in der Fachklinik Dr. Herzog in Bad Salzhausen zwischen 1999 und 2013 in Behandlung. Im explorativen Teil führten wir ein Interview mit neun Mammakarzinompatientinnen, die alternative und komplementäre Therapien anwenden und partiell konventionelle Therapien ablehnten. Davon füllten sieben Teilnehmerinnen einen Persönlichkeitsfragebogen aus. Ziel war es durch die Ergebnisse des Interviews Hintergründe der Therapieentscheidungen darzustellen. Durch den Persönlichkeitsfragebogen NEO-FFI sollte herausgearbeitet werden, ob konventionelle Therapieverweigerer markant ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Diese Patientinnen wurden zwischen 2017 und 2019 in der Fachklinik Dr. Herzog in Bad Salzhausen betreut.
Bei den nach Kaplan-Meier geschätzten Überlebenszeiten zeigten sich signifikant kürzere Überlebenszeiten bei Patientinnen die eine primäre Operation ablehnten. Die Gesamtüberlebenszeit der Operationsverweigerer war jedoch länger, als dies bisher in der Literatur beschrieben wurde. Das Gesamtkollektiv wies geringere Gesamt- und progressionsfreie Überlebenszeiten auf. Das Überleben ab Progression war ähnlich lang. Die 5-Jahres-Überlebensrate ab Fernmetastasierung war minimal höher, verglichen mit Krebsregister- oder Literaturkollektiven.
Bis 31 primäre Operationsverweigerer (13 % des Gesamtkollektivs), die erste konventionelle Therapie nach der Erstdiagnose erhielten, vergingen im Median 18,5 Monate.
Durch das Interview wird aufgezeigt, dass in ärztlichen Gesprächen oft nicht auf komplementäre und alternative Behandlungen eingegangen wird, Patientinnen sich dies aber wünschten. Zudem fehlte bei den meisten ein zuverlässiger ärztlicher Ansprechpartner. Die Ablehnung einer konventionellen Therapie wurde von keiner Patientin bereut. Eine konventionelle Therapie wurde größtenteils erst wieder im Stadium einer neu aufgetretenen Fernmetastasierung zugestimmt.
Beim NEO-FFI beobachteten wir in unserem Kollektiv vergleichsweise niedrige Neurotizismuswerte, obwohl bisher durch Studien beschrieben wurde, dass Mammakarzinompatientinnen eher hohe Neurotizismuswerte aufweisen.
Bei den angewendeten alternativen und komplementären Therapien zeigte sich eine Vielzahl unterschiedlicher Behandlungen, die eine weite Spannbreite aufwiesen. Zwischen komplementären Methoden mit ausreichenden Wirksamkeitsnachweisen bis hin zu alternativen Verfahren die nachweislich zu einer Schädigung der Patientengesundheit führen.
Als zukünftige Aufgabe sollte sich jeder Behandler der Herausforderung stellen, Patientinnen bezüglich alternativen und komplementären Therapien zu beraten, wenn der Bedarf bei der Patientin besteht. Dieser sollte aktiv im Erstgespräch erfragt werden. Dadurch könnten auch konventionelle Therapieablehnungen mit drastischen Auswirkungen auf die Überlebenszeit vermindert werden. Dass eine primäre Operation entscheidend für den Krankheitsverlauf ist, sollte jeder Patientin verdeutlicht werden. Standardisierte Forschung im Bereich der komplementären Therapien sind für einheitliche Behandlungsempfehlungen dringend nötig.
Kurzfassung auf Englisch: The current state of research into breast cancer patients who use alternative and complementary therapies and refuse conventional therapies is incomplete.
In the retrospective part of this thesis, a survival time analysis was carried out on 233 patients with metastatic breast cancer who used complementary and alternative therapies and in some cases refused various conventional therapies. The alternative and complementary therapies used are presented, explained and evaluated. All 233 patients were treated in the Dr Herzog specialist clinic in Bad Salzhausen between 1999 and 2013. In the explorative part, we conduct an interview with nine breast cancer patients who use alternative and complementary therapies and who in part rejected conventional therapies. Seven of them completed a personality questionnaire. The aim was to use the results of the interview to illustrate the background of the decisions regarding therapies. The NEO-FFI personality questionnaire was designed to find out whether those who refuse conventional therapies have markedly distinctive personality traits. These patients were looked after in the special hospital Dr Herzog in Bad Salzhausen between 2017 and 2019.
The estimated survival times according to Kaplan-Meier showed significantly shorter survival times for patients who turned down primary surgery. However, the overall survival time of those who declined surgery was longer than has been described in the literature up until now. The overall collective had lower overall and progression-free survival times. Survival from the point of progression was of a similar length. The 5-year survival rate from the point of distant metastasis was slightly higher compared to cancer registry or literature collectives.
For 31 primary patients declining surgery (13 % of the total collective), a median of 18,5 months elapsed until they received their first conventional therapy following initial diagnosis.
The interview shows that complementary and alternative treatments are often not dealt with in consultations with doctors, but patients would like them to be. In addition, most patients did not have a reliable medical contact. Not a single patient regretted declining conventional therapy. For the most part, conventional therapy was only consented to again during the stage of a new distant metastasis.
At the NEO-FFI, we observed comparatively low neuroticism values in our collective, although studies have so far described that breast cancer patients tend to display high neuroticism values.
The alternative and complementary therapies used revealed a multitude of different treatments which ranged widely: from complementary methods with sufficient evidence of efficacy to alternative methods that have been shown to damage patient health.
As a task for the future, every practitioner should take up the challenge of advising patients on alternative and complementary therapies if the patient requires this. This should be actively enquired about in the initial consultation. This could also reduce the rates of rejection of conventional treatment, with drastic effects on survival time. It should be made clear to every patient that a primary operation is crucial for determining the course of the disease. Standardised research in the field of complementary therapies is urgently needed to ensure uniform treatment recommendations.
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