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Qualzuchtmerkmale bei der Katze und deren Bewertung unter tierschutzrechtlichen Aspekten

Schöll, Karina


Originalveröffentlichung: (2021) Giessen : VVB Laufersweiler Verlag
Zum Volltext im pdf-Format: Dokument 1.pdf (9.677 KB)


Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-158638
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2021/15863/


Universität Justus-Liebig-UniversitĂ€t Gießen
Institut: Klinikum VeterinĂ€rmedizin, Professur fĂŒr Versuchstierkunde und Tierschutz
Fachgebiet: VeterinÀrmedizin
DDC-Sachgruppe: Landwirtschaft
Dokumentart: Dissertation
Zeitschrift, Serie: Edition scientifique
ISBN / ISSN: 978-3-8359-6928-5
Sprache: Deutsch
Tag der mĂŒndlichen PrĂŒfung: 02.12.2020
Erstellungsjahr: 2021
Publikationsdatum: 23.02.2021
Kurzfassung auf Deutsch: Mit 14,7 Millionen Tieren ist die Katze im Jahr 2019 das beliebteste Haustier Deutschlands (Statista, 2020). Die einst als SchĂ€dlingsbekĂ€mpfer geduldete Tierart erfreut sich heute als Haustier durch scheinbar grenzenlose zĂŒchterische Abwandlungen des Ă€ußeren Erscheinungsbildes großer Beliebtheit. Zahlreiche Farb-, GrĂ¶ĂŸen- und Formvariationen mit oder ohne Fell, Tasthaaren oder Schwanz sowie variabler AusprĂ€gung der NasenlĂ€nge sind trotz der Tierschutzrelevanz als Rassen der verschiedenen ZuchtverbĂ€nde zugelassen. Die drastische phĂ€notypische VerĂ€nderung von Perser-Katzen dient als Paradebeispiel einer Qualzucht und den seit Jahren zunehmenden Trend extremer Zuchtauslese. Ungeheuerlich erscheint es, dass deren im Rassestandard der ZuchtverbĂ€nde gefordertes Ă€ußeres Erscheinungsbild einer beim Menschen anerkannten Entwicklungsstörung gleicht.
Die Tatsache, dass die rassespezifischen Belastungen ĂŒber Jahrzehnte bekannt, bewusst ignoriert und gezielt zĂŒchterisch gefördert werden, obwohl die ZuchtverbĂ€nde die Priorisierung der Gesundheit ihrer Zuchttiere beteuern, verdeutlicht die WillkĂŒr und Skrupellosigkeit, mit der Menschen ihre Profilierungssucht befriedigen und war Anlass fĂŒr die Ausarbeitung dieser Arbeit.
Um die Ausmaße anerkannter katzenspezifischer Qualzuchtmerkmale sowie neuer Zuchtformen zu erfassen, wurden diese im Rahmen der vorliegenden Arbeit anhand aktueller wissenschaftlicher Publikationen ausfĂŒhrlich erörtert. Diese Schilderungen dienen als Grundlage fĂŒr deren anschließende tierschutzrelevante Beurteilung, die die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit, das Verhalten und das Wohlergehen merkmalstragender Tiere aufzeigt.
Die unverhohlene Vermehrung qualzĂŒchterischer Katzen belegt die erheblichen MĂ€ngel bei der Verhinderung und Ahndung von Qualzuchten durch die zustĂ€ndigen Behörden. Da sich das Problem vielschichtig gestaltet, bedarf es zur langfristigen QualzuchtprĂ€vention neben einer umfassenden Aktualisierung und Erweiterung der Rechtsvorgaben sowie dem Verbot der öffentlichen Zurschaustellung von Qualzuchten auch ein Zulassungsverfahren neu konstituierter Rassen durch ein eigens bestimmtes und autorisiertes Tierschutzgremium. Eine weitere tierschutzrechtliche Beurteilung neuer Zuchtlinien durch grĂ¶ĂŸtenteils tiermedizinische, genetische und verhaltenstherapeutische Laien ist unverantwortlich und weder mit dem Staatsziel Tierschutz noch mit den Vorgaben von § 11b TierSchG vereinbar.
Neben den ZĂŒchtern mĂŒssen auch TierĂ€rzte ihrer Verantwortung nach dem Codex Veterinarius gerecht werden. Pathologische VerĂ€nderungen, die zu Schmerzen, Leiden und SchĂ€den der Tiere fĂŒhren, mĂŒssen den Tierbesitzern bzw. ZĂŒchtern aufgezeigt sowie kritisch hinterfragt werden und dĂŒrfen nicht als rassetypisch abgewertet werden.
Auch wenn Therapieformen verbessert werden und eine Behebung bzw. Linderung der zĂŒchterisch bedingten Belastungen ermöglichen, kann es nur das Ziel sein, praktizierte Zuchttechniken zu ĂŒberdenken, neue wissenschaftliche Erkenntnisse diesbezĂŒglich anzunehmen und die negativen Auswirkungen der Zucht auf betroffene Tiere sowie die ethischen Grenzen anzuerkennen.
Getreu dem Motto „Nicht das zĂŒchterisch, biotechnisch oder gentechnisch Machbare darf das Ziel sein, sondern das Vertretbare“ (Herzog, 1997).
Kurzfassung auf Englisch: In 2019, there were 14.7 million cats in Germany making them the most popular pet (Statista, 2020). Once tolerated as a pest control, cats are very popular as pets these days, in part due to the seemingly limitless variations in breeding to alter appearance. Numerous breeding variations in colour, size and shape, with or without fur, tactile hair or tail and variable nose length have been approved by many breeding associations; despite their relevance to animal welfare. The dramatic change in the phenotype of Persian cats serves as a prime example of torture breeding and the increasing trend of extreme breeding selection in the last years. It seems outrageous that their external features, which are claimed by the breed standard of the breeding associations, are similar to a developmental disorder recognised in humans.
The fact that the breed-specific stresses and strains have been known for decades, were deliberately ignored and specifically promoted by breeding, although the breeding associations claim to prioritise the health of their breeding animals, illustrates the arbitrariness and unscrupulousness with which people satisfy their addiction to profiling and was the reason for the elaboration of this work.
In order to assess the extent of recognised cat-specific distress traits and new breeding forms, these were discussed in detail in the present study on the basis of current scientific publications. They serve as a basis for their subsequent animal welfare-relevant assessment, which shows the negative effects on the health, behaviour and welfare of animals displaying indicators of distress.
The blatantly reproduction of torture-breeding in cats highlights the considerable deficiencies in the prevention and enforcement of law by relevant authorities. As the problem is complex, long-term prevention of torture-breeding requires not only a comprehensive update and expansion of the legal requirements and a ban of the public display of torture breeding, but also a licensing procedure for newly constituted breeds by a specially appointed and authorised animal protection body. A further animal welfare evaluation of new breeding lines by mainly veterinarian, genetic and behavioural therapeutical laypersons is irresponsible and neither compatible with the state objective of animal protection nor with the requirements of § 11b TierSchG.
In addition to breeders, veterinarians must also fulfil their responsibilities under the Codex Veterinarius. Pathologies which are likely to cause pain, suffering and damage to animals must be explained to owners and breeders, critically questioned and must not be dismissed as typical of the breed.
Even if therapy methods are improved and allow for a remedy or alleviation of the breeding related stress, it can only be the aim to rethink practiced breeding techniques, to accept new scientific findings in this respect and to recognise the negative effects of breeding on affected animals as well as the ethical limits.
True to the motto "It is not the feasible in breeding, bioengineering or genetics that must be the goal, but that which is justifiable" (Herzog, 1997).
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