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"It will really knock on to everybody's door..." : Die sozialen Folgen der AIDS-Epidemie in Namibia, eine Untersuchung in Katutura und Ovamboland

Rompel, Matthias


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-14369
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2004/1436/


Freie Schlagwörter (Deutsch): Namibia , HIV , AIDS , Familie
Freie Schlagwörter (Englisch): Namibia , HIV , AIDS , Social Impact
Universität Justus-Liebig-Universit√§t Gie√üen
Institut: Institut f√ľr Soziologie
Fachgebiet: Soziologie
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der m√ľndlichen Pr√ľfung: 01.03.2004
Erstellungsjahr: 2003
Publikationsdatum: 05.03.2004
Kurzfassung auf Deutsch: √úberblick

Die vorliegende Arbeit beschreibt, diskutiert und analysiert die sozialen Folgen von AIDS in Namibia aus einer Akteursperspektive. Dazu wurde ein qualitatives Vorgehen gew√§hlt. Es wurden Interviews mit HIV-infizierten und AIDS-kranken Betroffenen und deren Familien gef√ľhrt, um nachzuzeichnen, was auf der Ebene von Einzelnen, deren Haushalten und Familien passiert, wenn eine HIV-Infektion, eine AIDS-Erkrankung oder ein Todesfall zu bew√§ltigen sind. Die Untersuchung wurde in einem urbanen Kontext in Windhoek-Katutura und in einer l√§ndlichen Situation in Nordzentralnamibia (Ovamboland) durchgef√ľhrt. Sie st√ľtzt sich auf f√ľnf Monate Feldforschung, in denen nahezu 80 Interviews erhoben wurden, die in der Studie ausgewertet wurden.


Ergebnisse

Die tiefgreifende Umgestaltung lokaler Sozialstrukturen und Wirtschaftsweisen, die sich in einer Linie von dem ersten Eintreffen von H√§ndlern, Missionaren und Forschungsreisenden ab Mitte des 19. Jahrhunderts √ľber die Etablierung von Missionsbem√ľhungen, dem Ausbau von deutsch-kolonialer Herrschaft, der Etablierung des Apartheidssystems, des Befreiungskriegs bis hin zur Unabh√§ngigkeit und der Errichtung eines modernen Staatswesens zieht, hat in Namibia auf breiter Basis eine gesellschaftliche Modernisierung bewirkt. Das Massenph√§nomen AIDS, das nahezu ein Viertel der erwachsenen Bev√∂lkerung HIV-positiv hinterl√§√üt, hat seine Ursachen in diesen Modernisierungsprozessen, die eine Dynamik von sozialer und geografischer Mobilisierung und Enttraditionalisierung entfesselt haben und so die Grundlage f√ľr die Ausbreitung darstellen. Au√üerdem wirkt AIDS selbst als Katalysator von Modernisierungsprozessen, indem im Rahmen von Ma√ünahmen der Bek√§mpfung der Ausbreitung von HIV moderne und individualistische K√∂rperkonzepte, Planungsgewohnheiten und Lebensmodelle bef√∂rdert werden, die die Losl√∂sung von traditionalen Elementen sozialer Organisation und kultureller Identit√§t beschleunigen.


F√ľr die Bew√§ltigung von Infektion, Krankheit und Tod spielt der soziale Nahraum der extended family die entscheidende Rolle. Hier werden die Kranken gepflegt und versorgt; hier findet die Unterst√ľtzung und F√ľrsorge von Infizierten statt; hier werden zur√ľckbleibende Waisen aufgenommen.
Dabei f√§llt auf, da√ü innerhalb von koh√§renten Sozialbeziehungen in den familialen Netzwerken die durch AIDS ausgel√∂sten Krisenph√§nomene gut bew√§ltigt werden k√∂nnen; in latent destruierten und labilen Sozialbeziehungen f√ľhrt AIDS zum weiteren Auseinanderbrechen von Beziehungen, was √ľber Ausgrenzung und Marginalisierung bis hin zu physischer Gewalt f√ľhrt. AIDS wirkt als Katalysator von sozialen Desintegrationsprozessen.

Es gibt entscheidende Geschlechterunterschiede im Umgang mit einer eigenen Infektion und in der Pflege von Kranken und der Versorgung von zur√ľckbleibenden Waisen. Dabei wird an traditionale Geschlechterrollen angekn√ľpft; die Erosion von geschlechtlichen Aufgabenbereichen (insbesondere der m√§nnlichen) ist aber ebenso beobachtbar und f√ľhrt zu Anomie-Ph√§nomenen wie Selbstmord und Gewalt.
Zahlreiche Stadt-Land-Unterschiede lassen sich beobachten: Es gibt eine ausgepr√§gte Stadt-Land-Migration, bei der im Krankheitsfall die g√§ngige Abwanderungsbewegung vom Land in die Stadt umgekehrt wird. Kranke Stadtbewohner kehren in ihre l√§ndliche Heimat zur√ľck, da hier die personellen M√∂glichkeiten der Versorgung wesentlich besser sind als im st√§dtischen Kontext. Ein Resultat ist, da√ü viele AIDS-Kranke in ihrer l√§ndlichen Heimat sterben.

Der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen ist in der Stadt wesentlich besser als auf dem Land. Insbesondere im Krankheitsfall entstehen erhebliche finanzielle Belastungen f√ľr die pflegenden Familien; diese Ausgaben sind auf dem Land h√∂her, da gro√üe Mittel f√ľr Transportkosten aufgewendet werden m√ľssen.

Die Ern√§hrungslage ist f√ľr viele in den l√§ndlichen Situationen besser, da hier durch die funktionierenden Mechanismen der Subsistenzwirtschaft ein breites Angebot an Nahrungsmitteln zur Verf√ľgung steht. Insbesondere in den st√§dtischen Squattercamps gibt es diese Versorgungsm√∂glichkeit nicht. Die Einwohner sind den Mechanismen der Geldwirtschaft ausgeliefert, obwohl zugleich die wenigsten - durch formale Besch√§ftigung abgesichert - voll daran partizipieren k√∂nnen.

F√ľr die Bew√§ltigung von Krankheit und Tod spielt Religiosit√§t eine entscheidende Rolle. Auch hierbei lassen sich Stadt-Land-Differenzen beschreiben, die auf den Umgang mit einer eigenen Infektion oder der des Partners - auf Mi√ütrauen und Schuldzuweisungen - einen erheblichen Einflu√ü haben.


Generell f√§llt auf, da√ü trotz aller Bew√§ltigungsf√§higkeit die familialen Netzwerke - insbesondere aufgrund der ansteigenden Belastung durch zahlreicher werdende Krankheits-, Pflege- und Todesf√§lle - an vielen Stellen die Grenzen der Leistungsf√§higkeit erreicht haben bzw. √ľberschritten sind. Unter diesem Druck wandeln sich Gebr√§uche wie etwa das zeitweise Entsenden von Kindern zwischen miteinander verbundenen Haushalten, von einer entlastenden Funktion zu einer B√ľrde. Konsequenz sind neue Lebenssituationen, in denen etwa Kinder auf der Stra√üe leben oder in Institutionen aufwachsen.
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