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Zur Retikulozytose ohne begleitende Anämie und dem erhöhten retikulozytären Hämoglobingehalt (CHr) bei Hunden

Güssow, Arne


Originalveröffentlichung: (2017) Giessen : VVB Laufersweiler Verlag
Zum Volltext im pdf-Format: Dokument 1.pdf (22.305 KB)


Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-129267
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2017/12926/

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Klinikum Veterinärmedizin, Klinik für Kleintiere, Klinische Pathophysiologie und Klinische Laboratoriumsdiagnostik
Fachgebiet: Veterinärmedizin
DDC-Sachgruppe: Landwirtschaft
Dokumentart: Dissertation
Zeitschrift, Serie: Edition scientifique
ISBN / ISSN: 978-3-8359-6579-9
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 30.05.2017
Erstellungsjahr: 2017
Publikationsdatum: 26.06.2017
Kurzfassung auf Deutsch: Der Einfluss von Kortisol auf die Retikulozytenzahl von Hunden
Hintergrund
Der Nachweis einer Retikulozytose ohne begleitende Anämie gelingt in den letzten Jahren durch geeignete Hämatologie-Analyse-Geräte häufiger. Die Suche nach auslösenden Ursache ist von wachsendem Interesse. Das Vorliegen von schweren zugrundeliegenden Erkrankungen wird ebenso wie der Einfluss von Katecholaminen und einer katecholaminbedingten Milzkontraktion sowie Glukokortikoiden diskutiert.
Ziele der Studie
Ziel dieser prospektiven Studie war der Nachweis des stimulierenden Einflusses von Kortisol auf die Retikulozytenzahl im peripheren Blut von erkrankten Hunden.
Material und Methoden
Zur Evaluation des Kurzzeiteffektes von Kortisol wurden hämatologische Untersuchungen bei Hunden durchgeführt, die einen ACTH-Stimulationstest als zusätzliches Diagnostikum während einer internistischen Aufarbeitung spezifischer Fragestellungen an der Klinik für Kleintiere – Innere Medizin der JLU Gießen erhielten. Den Tiere wurde zu diesem Zweck Tetracosactrin, ein synthetisches ACTH-Analogon, in der Dosierung von 5µg/kg intravenös verabreicht. Vor und 60 Minuten nach Stimulation wurden Blutproben zur Bestimmung einer vollständigen Hämatologie samt Retikulozytenzahl sowie zur Kortisolbestimmung entnommen. Die hämatologische Untersuchung erfolgte mit dem Hämatologie-Analysegerät ProCyte Dx®. Eine manuelle Kontrolle der Retikulozytenzählung erfolgte an Neumethylen-Blau-gefärbten Ausstrichen. Ausschlusskriterien waren ein unzureichendes Ansprechen auf das verabreichte Tetracosactrin und eine vorliegende Anämie.
Ergebnisse
Nach Stimulation mit Tetracosactrin kam es zu einem signifkanten Anstieg des Plasma-Kortisol-Spiegels von 3.91 ± 2,66 mg/dl bis 11.41 ± 3,94 mg/dl (P<0.0001).
Erstaunlicherweise kam es zu einem signifikanten Abfall der peripheren Retikulozytenzahl von 58.53 x 109/l to 47,32 x 109/l (P = 0.0029). Ein weiterer signifikanter Abfall konnte im Hinblick auf die Erthrozytenzahl (P = 0,0026), den Hämatokrit (P < 0,0001), das mittlere korpuskuläre Volumen (MCV) (P = 0,006) sowie die Verteilungsbreite der erythrozytären Größe (RDW) (P = 0,006) nachgewiesen werden. Die mittlere korpuskuläre Hämoglobinkonzentration (MCHC) sank signifikant ab (P = 0,049). Bezogen auf die Leukozyten kam es zu einem signifikanten Anstieg der Gesamtleukozytenzahl (P = 0,029) getragen von einem Anstieg der neutrophilen Granulozyten (P = 0,0165). Lymphozyten (P = 0,0034) und eosinophile Granulozyten (P = 0,0077) fielen signifikant ab. Die Leukozytenveränderungen stehen im Einklang mit einem Stressleukogramm. Zwei Hunden mit Synkopen und Dyspnoe im Vorbericht zeigten eine Retikulozytose ohne begleitende Anämie, die in beiden Fällen keine Beeinflussung durch Tetracosactrin zeigte.
Schlussfolgerung
Ein Kurzzeiteffekt von Kortisol auf die periphere Retikulozytenzahl bei kranken, nicht anämischen Hunden konnte nicht nachgewiesen werden. Die basal höheren Retikulozytenzahlen sind möglicherweise einer Milzkontraktion in Folge von Aufregung oder körperlicher Belastung geschuldet.
6.2. CHr-Erhöhung: Vorkommenshäufigkeit und Ätiologie
Hintergrund
Der retikulozytäre Hämoglobingehalt (CHr) des Hämatologiegerätes ADVIA® 2120 von Siemens ist human- und tiermedizinisch ein etablierter Marker zur Diagnose einer eisendefizitären Hämatopoese und dementsprechend eines Eisenmangels; deutlich erniedrigte Werte unterhalb des Referenzbereiches sind bekannt. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu der Vorkommenshäufigkeit, Ätiologie und klinischen Relevanz eines erhöhten CHr sind nicht existent.
Ziele der Studie
Das Ziel des retrospektiven Teils der Arbeit war die Erstbeschreibung der Erhöhung des CHr bei Hunden. Augenmerk wurde auf die Vorkommenshäufigkeit und mögliche Ätiologien gelegt.
Material und Methoden
Im Rahmen der retrospektiven Arbeit wurden die hämatologischen Untersuchungen von 26342 Hunden der Klinik für Kleintiere – Innere Medizin der JLU Gießen des Zeitraumes 2008-2013 hinsichtlich Retikulozytenzahl und CHr ausgewertet. Die hämatologische Untersuchung erfolgte bei allen Tieren mit dem Hämatologiegerät ADVIA® 2120 von Siemens. Eine Einteilung des CHr erfolgte nach Cut-Off-Werten in Tiere mit einem erhöhten CHr (>1,85fmol/l), Tiere mit Hinweisen auf einen Eisenmangel (<1,29fmol/l) sowie Tiere im intermediären Bereich (1,29-1,46 und 1,47-1,84fmol/l). Eine exakte Begutachtung erfolgte bei den Hunden mit erhöhtem CHr im Hinblick auf zugrundeliegende Erkrankungen sowie Erythrozytenmoprhologie anhand der maschinell erstellten Erythrogramme zur Detektion möglicher Artefakte und Erythromorphologie.
Ergebnisse
Ein erhöhter CHr wurde bei nur 1,7% aller Messungen detektiert, hingegen war die Vorkommenshäufigkeit eines erniedrigten CHr mit 10,7% ähnlich der bisher beschriebenen Prävalenzen. Der Großteil dieser Tiere lag innerhalb des Referenzbereiches Insgesamt wurde bei 53 Tieren ein CHr von >1,85fmol/l gefunden. Der mediane CHr dieser Hunde lag bei 1,89fmol/l (Range 1,85-2,39). Sehr hohe Werte über 2,0fmol/l waren selten. Der Großteil der Tiere zeigte eine regenerative Anämie mit einer medianen Retikulozytose von 96,2x109/l (Range 7,1-566,1). Nur bei 4% der Tiere konnte ein physiologischer Hämatokrit nachgewiesen werden. Im Median waren die Erythrozyten dieser Hunde grenzwertig makrozytär mit 73fl (Range 66,4-96,6) und im Mittel hypochrom (MCHCb 19,99 ± 1,49mmol/l). Eine Einteilung der Tiere erfolgte in Erkrankungen mit offensichtlichen Blutungen (19%), hämaolytische Erkrankungen (11%), systemishe Inflammationsreaktionen (15%), Neoplasien (17%), Nierenerkrankungen (21%) sowie andere Erkrankungen (17%). Hunde mit Neoplasien zeigten dabei die höchsten CHr-Werte. Bei Hunden mit Blutungsanämien und Hämolyse fanden sich signifikant höhere Retikulozytenwerte. Als Ursache der CHr-Erhöhung konnten hochgradige Retikulozytosen mit Makroretikulozyten, Artefakte (Agglutinatmessung, Fehlklassifizierung von Leukozyten, Heinz-Körperchen und weitere) sowie echte Makrozytosen auf Grund einer Dyserythropoese detektiert werden.
Schlussfolgerung
Eine CHr-Erhöhung ist ein rares Phänomen und häufig mit gravierenden Grunderkrankungen vergesellschaftet. Bei Messung eines erhöhten CHr-Wertes sollten die Retikulozytenzahl, die erythrozytären Indizies und, wenn möglich graphische Darstellung der Erythrogramme bei der Interpretation mit einbezogen werden. Nach Ausschluss einer Retikulozytose und Artefaktmessung bleiben Makrozytosen in Folge einer möglichen Dyserythropoese als Ursache. Weitere Untersuchungen müssen die Eignung des erhöhten CHr als Parameter für eine mögliche Dyserythropoese bestätigen.
Kurzfassung auf Englisch: The influence of cortisol on the reticulocyte count in dogs
Background
Reticulocytosis in absence of anemia is of increasing interest in veterinary hematology and it has been attributed to often severe underlying diseases, whereby increased catecholamines and glucocorticoids are thought to trigger reticulocyte release.
Objectives
Our prospective study aimed at elucidating the impact of cortisol on reticulocyte counts in diseased dogs.
Methods
For evaluation of a short term cortisol effect, 15 client-owned and diseased dogs were enrolled undergoing an adrenocorticotrophic hormone (ACTH) stimulation test with tetracosactrin, a synthetic ACTH analogue (5 µg/kg intravenously). Exclusion criteria were anemic states and the absence of an adequate cortisol response (i.e., presence of hypoadrenocortisism). Prior to and 60 minutes after stimulation, blood samples were taken for assessment of cortisol serum concentration as well as complete blood count (CBC) and reticulocyte count. CBC and reticulocytes were analyzed by the laser based hematology analyzer ProCyte Dx®. Reticulocyte measurements were confirmed by manual reticulocyte count.
Results
After stimulation with tetracosactrin, a significant increase in cortisol serum concentration from 3.91 ± 2,66 mg/dL to 11.41 ± 3,94 mg/dl (P<0.0001) was detected. Surprisingly, median reticulocyte count decreased significantly from 58.53 x 109/l to 47,32 x 109/l (P = 0.0029) as well as values of red blood cells (RBC) (P = 0,0026), hematocrit (Htc) (P < 0,0001), mean corpuscular volume (MCV) (P = 0,006), and red cell distribution width (RDW) (P = 0,0039). Correlation of manual reticulocyte differentiation and automated counting was good (rs = 0,82). There was a mild increase in neutrophil (P = 0.0165) as well as a decrease in lymphocyte (P = 0.0034) and eosinophil count (P = 0.0077) consistent with a corticosteroid response. Two dogs with a history of syncope and dyspnea showed a reticulocytosis which was not influenced by the tetracosactrin-induced corticosteroid release.
Conclusion
Short term release of reticulocytes in diseased and non anemic dogs is not triggered by glucocorticoids. The influence of excitement or intense exercise might lead to the increased reticulocyte counts due to splenic contraction pre tetracosactrin stimulation.
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